Verdeckte Gewinnausschüttung (vGA): Was Geschäftsführer wissen müssen
Was ist eine verdeckte Gewinnausschüttung (vGA)?
Eine verdeckte Gewinnausschüttung (vGA) liegt vor, wenn eine GmbH ihrem Gesellschafter (oder einer nahestehenden Person) einen Vermögensvorteil zuwendet, der durch das Gesellschaftsverhältnis veranlasst ist und nicht auf einem ordnungsgemäßen Gewinnausschüttungsbeschluss beruht.
Die gesetzliche Grundlage ist §8 Abs. 3 S. 2 KStG: „Auch verdeckte Gewinnausschüttungen mindern das Einkommen nicht." Das bedeutet: Der Betrag der vGA wird dem Gewinn der GmbH wieder hinzugerechnet und unterliegt der Körperschaftsteuer — zusätzlich zur Besteuerung beim Gesellschafter.
Der Fremdvergleichsgrundsatz
Das zentrale Kriterium für die Feststellung einer vGA ist der Fremdvergleichsgrundsatz (auch: Drittvergleich oder „arm's length principle"):
> Hätte ein ordentlicher und gewissenhafter Geschäftsleiter einem fremden Dritten den gleichen Vorteil unter gleichen Bedingungen gewährt?
Wenn die Antwort „Nein" lautet, liegt eine vGA vor. Dieser Maßstab wird von der Finanzverwaltung und der Rechtsprechung des BFH konsequent angewandt.
Die häufigsten vGA-Fallen in der Praxis
1. Überhöhtes Geschäftsführer-Gehalt
Das ist der Klassiker unter den vGA-Fällen. Das Finanzamt prüft, ob das GF-Gehalt fremdüblich ist. Relevante Faktoren:
- •Branche und Unternehmensgröße: Ein GF-Gehalt von €200.000 kann bei einer GmbH mit €5 Mio. Umsatz angemessen sein, bei €200.000 Umsatz jedoch nicht
- •Gesamtausstattung: Nicht nur das Grundgehalt zählt, sondern die Summe aus Gehalt + Tantieme + Dienstwagen + Altersvorsorge + sonstige Vergütungen
- •75-%-Grenze der Gesamtbezüge: Die Finanzverwaltung akzeptiert oft, dass die Gesamtvergütung des GF nicht mehr als ca. 75 % des Jahresüberschusses (vor GF-Gehalt) betragen sollte
- •Vergleichsgehälter: BBE-Gehaltsstrukturuntersuchung und Kienbaum-Studien dienen häufig als Referenz
Praxis-Tipp: Dokumentieren Sie die Angemessenheit Ihres GF-Gehalts regelmäßig anhand von Vergleichsstudien und lassen Sie die Höhe vom Steuerberater bestätigen.
2. Private Pkw-Nutzung ohne klare Vereinbarung
Nutzt der Gesellschafter-Geschäftsführer einen Firmenwagen auch privat, muss dies im Anstellungsvertrag klar geregelt sein. Fehlt eine Vereinbarung, behandelt das Finanzamt die private Nutzung als vGA:
- •Der geldwerte Vorteil wird nicht als Arbeitslohn (Sachbezug nach 1-%-Regel oder Fahrtenbuch), sondern als vGA qualifiziert
- •Folge: Keine Betriebsausgabe bei der GmbH, dafür KSt + GewSt auf den vGA-Betrag und KapESt beim Gesellschafter
- •Doppelbelastung, die deutlich teurer ist als die ordnungsgemäße Versteuerung
3. Mietverträge mit Gesellschaftern zu nicht marktüblichen Konditionen
Vermietet ein Gesellschafter eine Immobilie an die eigene GmbH zu einem überhöhten Mietpreis, liegt eine vGA vor. Der Differenzbetrag zwischen der tatsächlichen Miete und der marktüblichen Miete wird als vGA umqualifiziert.
Umgekehrt: Mietet der Gesellschafter von der GmbH zu einem zu niedrigen Preis, gilt dasselbe — der entgangene Mietertrag ist eine vGA.
Wichtig: Auch bei der Überlassung von Büroräumen im Privathaus des Gesellschafters an die GmbH muss der Mietpreis dem Drittvergleich standhalten.
4. Darlehen an Gesellschafter: Zinsfrei oder zu günstig
Gewährt die GmbH ihrem Gesellschafter ein Darlehen, muss dieses zu marktüblichen Konditionen erfolgen:
- •Zinssatz: Mindestens der Referenzzinssatz der Bundesbank, besser ein banküblicher Zinssatz für vergleichbare Darlehen (typisch: 4–6 % je nach Besicherung und Bonität)
- •Rückzahlungsvereinbarung: Klare Tilgungspläne und Laufzeit
- •Besicherung: Eine Besicherung muss vereinbart werden, wenn sie auch unter Dritten üblich wäre
- •Schriftform: Der Darlehensvertrag muss schriftlich und vor Darlehensauszahlung geschlossen werden
Fehlt einer dieser Punkte, wird die gesamte Darlehensgewährung oder zumindest die Zinsdifferenz als vGA behandelt. Bei dauerhafter Nichtrückzahlung droht die Umqualifizierung des gesamten Darlehens in eine vGA.
5. Tantiemen ohne klare vertragliche Grundlage
Tantiemen (gewinnabhängige Vergütungen) an den Gesellschafter-Geschäftsführer sind nur dann als Betriebsausgabe abzugsfähig, wenn:
- •Sie in einer im Voraus geschlossenen, klaren und eindeutigen Vereinbarung geregelt sind
- •Die Bemessungsgrundlage eindeutig definiert ist (z. B. „10 % des Jahresüberschusses vor Steuern")
- •Die Angemessenheitsgrenze nicht überschritten wird (i.d.R. maximal 25–50 % des Jahresüberschusses als Tantieme)
- •Die Tantieme tatsächlich ausgezahlt wird und nicht als Forderung stehen bleibt (sog. „Nur-Tantieme"-Problematik)
Rückwirkend vereinbarte Tantiemen werden vom Finanzamt regelmäßig als vGA qualifiziert.
Steuerliche Konsequenzen einer vGA
Die Folgen einer festgestellten vGA sind erheblich und treffen die GmbH und den Gesellschafter:
Auf Ebene der GmbH
| Konsequenz | Details |
|---|---|
| Gewinnerhöhung | Der vGA-Betrag wird dem zu versteuernden Einkommen wieder hinzugerechnet |
| Körperschaftsteuer | 15 % + 5,5 % Soli = 15,825 % auf den vGA-Betrag |
| Gewerbesteuer | Zusätzlich je nach Hebesatz (typisch 14 %) |
| Verspätungszuschläge | Bei Feststellung im Rahmen einer Betriebsprüfung fallen Nachzahlungszinsen an (§233a AO): 0,15 % pro Monat (seit 2019) |
Auf Ebene des Gesellschafters
| Konsequenz | Details |
|---|---|
| Kapitalertragsteuer | 25 % auf den vGA-Betrag (§20 Abs. 1 Nr. 1 S. 2 EStG) |
| Solidaritätszuschlag | 5,5 % auf die KapESt |
| Ggf. Kirchensteuer | 8–9 % auf die KapESt |
| Gesamtbelastung | 26,375 % (ohne KiSt) |
Gesamtbeispiel: vGA von €50.000
| Ebene | Steuer | Betrag |
|---|---|---|
| GmbH: KSt + Soli (15,825 %) | Nachversteuerung | €7.913 |
| GmbH: GewSt (Hebesatz 400 %) | Nachversteuerung | €7.000 |
| Gesellschafter: KapESt + Soli (26,375 %) | Auf vGA-Betrag | €13.188 |
| Gesamte Steuernachzahlung | €28.100 | |
| Effektive Belastung | 56,2 % |
Hinzu kommen Nachzahlungszinsen (§233a AO) und bei vorsätzlicher Verkürzung möglicherweise Strafzuschläge oder ein Steuerstrafverfahren.
So schützen Sie sich vor vGA-Vorwürfen
1. Klare, schriftliche Verträge — vor Beginn der Leistung
Jede Vereinbarung zwischen GmbH und Gesellschafter muss:
- •Schriftlich geschlossen werden
- •Im Voraus (vor Beginn der Leistungserbringung) vereinbart werden
- •Klar und eindeutig formuliert sein (keine vagen Formulierungen)
- •Dem Fremdvergleich standhalten
2. Regelmäßiger Drittvergleich
- •Lassen Sie Gehälter, Mieten und Darlehenskonditionen regelmäßig durch Ihren Steuerberater überprüfen
- •Nutzen Sie branchenübliche Vergleichsstudien (BBE, Kienbaum)
- •Dokumentieren Sie die Grundlagen der Vergütungsfindung
3. Ordnungsgemäße Durchführung
- •Vereinbarungen müssen tatsächlich gelebt werden (z. B. pünktliche Gehaltszahlung, Tilgung von Darlehen)
- •Abweichungen von der Vereinbarung führen zur vGA-Vermutung
- •Gesellschafterbeschlüsse müssen formal korrekt protokolliert werden
4. Dokumentation für die Betriebsprüfung
Halten Sie einen Ordner bereit mit:
- •Anstellungsvertrag des Geschäftsführers (inkl. aller Nachträge)
- •Mietverträge und Marktwertgutachten
- •Darlehensverträge mit Tilgungsplänen
- •Vergleichsgehaltsstudien
- •Gesellschafterbeschlüsse zur Ergebnisverwendung
Wichtige BFH-Rechtsprechung zur vGA
Die Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs (BFH) hat die vGA-Grundsätze maßgeblich geprägt:
BFH vom 11.09.2013 (I R 28/13): Gesamtausstattung des GF-Gehalts
Der BFH bestätigte, dass die Angemessenheit des GF-Gehalts anhand der Gesamtausstattung (Gehalt + Tantieme + Sachbezüge + Altersvorsorge) zu prüfen ist. Einzelne Bestandteile können angemessen sein, in der Summe aber die Fremdüblichkeit überschreiten.
BFH vom 27.02.2003 (I R 46/01): Rückwirkende Vereinbarungen
Vereinbarungen zwischen GmbH und beherrschendem Gesellschafter müssen im Voraus getroffen werden. Rückwirkend vereinbarte Vergütungsbestandteile sind als vGA zu behandeln — dies gilt auch für nachträgliche Tantiemezusagen.
BFH vom 23.10.2013 (I R 89/12): Zinsloses Darlehen
Ein zinsloses Gesellschafterdarlehen führt in Höhe des marktüblichen Zinses zu einer vGA. Der BFH legt dabei den Zinssatz zugrunde, den die GmbH bei einer Anlage des Geldes am Kapitalmarkt hätte erzielen können.
BFH vom 18.12.1996 (I R 139/94): Nutzungsvorteile
Auch die unentgeltliche oder verbilligte Überlassung von Wirtschaftsgütern (z. B. Wohnung, Kfz) an den Gesellschafter stellt eine vGA dar. Der vGA-Betrag bemisst sich nach dem Fremdvergleichspreis.
Worauf achtet das Finanzamt bei der Betriebsprüfung?
Bei einer Betriebsprüfung (§193 ff. AO) gehören vGA-Prüfungen zum Standardprogramm. Die Prüfer achten besonders auf:
- •Kontoauszüge der GmbH: Zahlungen an Gesellschafter oder nahestehende Personen
- •GF-Gehaltsstruktur: Vergleich mit branchenüblichen Gehältern, plötzliche Erhöhungen
- •Darlehenskonten: Gesellschafter-Verrechnungskonten, fehlende Verzinsung, keine Tilgung
- •Miet- und Leasingverträge: Konditionen mit Gesellschaftern vs. Marktkonditionen
- •Sachbezüge: Dienstwagen, Reisekosten, Bewirtungskosten — private Veranlassung?
- •Pensionszusagen: Sind Rückstellungen angemessen? Wurde die Zusage rechtzeitig erteilt?
- •Nahestehende Personen: Verträge mit Ehegatten, Kindern oder Unternehmen des Gesellschafters
Praxis-Tipp: Betriebsprüfungen finden im Durchschnitt alle 10–15 Jahre statt, bei größeren GmbHs häufiger. Bereiten Sie sich kontinuierlich vor — nicht erst bei Ankündigung der Prüfung.
FAQ: Häufig gestellte Fragen zur verdeckten Gewinnausschüttung
Wann liegt eine verdeckte Gewinnausschüttung vor?
Eine vGA liegt vor, wenn die GmbH ihrem Gesellschafter einen Vermögensvorteil zuwendet, der durch das Gesellschaftsverhältnis veranlasst ist (§8 Abs. 3 S. 2 KStG). Der entscheidende Test ist der Fremdvergleich: Hätte ein fremder Dritter den gleichen Vorteil erhalten?
Kann eine vGA rückgängig gemacht werden?
Grundsätzlich nein. Wird eine vGA festgestellt, ist die steuerliche Rechtsfolge zwingend — die Hinzurechnung bei der GmbH und die KapESt beim Gesellschafter. Eine Rückzahlung des Vorteils kann die vGA nur für die Zukunft verhindern, wirkt aber nicht rückwirkend.
Wer haftet für die Kapitalertragsteuer bei einer vGA?
Die GmbH haftet als Entrichtungsschuldner für die Kapitalertragsteuer (§44 Abs. 5 EStG). Steuerschuldner ist zwar der Gesellschafter, aber das Finanzamt nimmt regelmäßig die GmbH in Haftung, da sie die Steuer hätte einbehalten und abführen müssen.
Wie hoch darf das GF-Gehalt sein, ohne dass eine vGA vorliegt?
Es gibt keinen gesetzlich festgelegten Höchstbetrag. Die Angemessenheit richtet sich nach dem Fremdvergleich unter Berücksichtigung von Branche, Unternehmensgröße, Ertragslage und Aufgabenbereich. Als Orientierung: Die Gesamtausstattung sollte 75 % des Jahresüberschusses nicht übersteigen.
Wird jede vGA auch strafrechtlich verfolgt?
Nein. Eine vGA ist zunächst ein steuerrechtliches Thema mit Nachversteuerung und Zinsen. Ein Steuerstrafverfahren droht nur bei vorsätzlicher Steuerverkürzung (§370 AO). Fahrlässige vGA-Fälle werden in der Regel über Nachzahlung und Zinsen abgewickelt. Dennoch: Die Grenzen sind fließend, und bei systematischen vGA-Mustern wird das Finanzamt schnell Vorsatz vermuten.
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